Der Erdrandbewohner

Inhaber einer Siegerurkunde der Bundesjugendspiele 1985

Wie das erste mal Methylphenidat sich für mich anfühlte.

Auf Diaspora stieß ich auf diese 3 kleinen Gifs. Genau so fühlte ich mich, als ich vor über 3 Jahren das erste mal Metyhlphenidat (Medikinet adult) nahm.

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Aus dem Leben eines Erdrandbewohners. (2)

Teil 1: —> Hier

 

Teil 2: Spätere Jugend und Eintritt in das Erwachsenenleben

Impressionen fNach der Hauptschule besuchte ich die Handelsschule zwecks Erlangung der Mittleren Reife. Ich überwand meine Angst vor dem Schwänzen des Unterrichts und erlangte darin sogar die Meisterschaft. Da ich einen Generalschlüssel für alle Klassenzimmer besaß, kam ich an das Klassenbuch heran, das während der Pausen im verschlossenen Unterrichtsraum verblieb. Durch kleine, geschickte Manipulation reduzierte ich meine offiziell dokumentierte Abwesenheit vom Unterricht auf ein tadelnswertes, aber für meinen zukünftigen Werdegang ungefährliches Maß.

Natürlich stand mir als Schüler kein Generalschlüssel zu. Aber niemand ahnte, daß der Schlüssel zu den Redaktionsräumen der Schülerzeitung, deren Chefredakteur ich war, auch auf fast alle Räume der Schule passte. Ich entdeckte dies, als ich meinem Spieltrieb nachgab und den Schlüssel an einer anderen Türe ausprobierte, die sich zu meiner freudigen Verblüffung aufschließen ließ. Ich weihte nur zwei absolut vertrauenswürdige Klassenkameraden ein, mit denen ich oft die selbst gewählten Freistunden verbrachte. Selbstverständlich reduzierten sich auch ihre Einträge über Fehlzeiten unauffällig und unerklärlich.

Auf der Handelsschule war ich ein eher mieser Schüler. Wirtschaftskram interessierte mich nicht die Bohne. Die Prüfungen bestand ich mit Ach und Krach und unerlaubten Hilfsmitteln. Bei der Abschlussfeier wurde ich zusammen mit den besten Schülern der verschiedenen Abschlussklassen zur Ehrung aufs Podium gerufen. Ich vermutete ein sehr peinliches Versehen und versuchte möglichst unauffällig mit den Armen zu wedeln, um die Lehrerschaft auf ihren Fehler aufmerksam zu machen. Mein Armwedeln wurde als ein origineller Ausdruck der Freude interpretiert und so überreichte man mir einen Buchpreis und Worte voll des Lobes für mein besonderes Engagement als Chefredakteur der Schülerzeitung.

Ich wahrte das Geheimnis des Schlüssels und übergab ihn meinem Nachfolger schweigend. Sollte der Schlüssel seinen neuen Besitzer für würdig erachten, würde er sich ihm schon offenbaren.

Tatsächlich erlernte ich auf der Handelsschule (neben dem Zehn-Finger-Maschinenschreiben, Alkohol trinken und Kiffen) die wichtigsten Grundlagen unserer Marktwirtschaft: Das ökonomische Minimal-Prinzip, also ein gegebenes Ziel mit möglichst geringen Mitteln zu erreichen. Vorteile diskret, aber schamlos auszunutzen. Kreative Buchführung. Seilschaften bilden. Aber auch: Daß ich für etwas, was ich alleine dem Spaß und der Freude wegen mache, unerwartet viel Anerkennung und Lob bekomme…

Ich wurde politisch. Zuerst in der Friedensbewegung, dann gegen Atomkraft. Mit der Friedensgruppe fuhr ich in die DDR, auf Einladung eines Oppositionskreises in Weimar. Ich scherzte über die plumpe Beschattung durch die Stasi. Wo genau und wann ich über sie scherzte, konnte ich wenige Jahre später in meiner Akte nachlesen.

Später interessierte ich mich für Anarchismus und verkehrte in radikaleren Kreisen. Für radikalere Kreise und Anarchisten interessierte sich der auch Verfassungsschutz. Ein netter und zuvorkommender Herr kam extra aus Mainz angereist, um mich zu besuchen. Er listete mir sehr detailliert auf, auf welchen Demos der letzten Jahre ich mein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen hatte und bot mir einen kleinen Job an. Für einen Job beim Ministerium für Sport und Inneres interessierte ich mich hingegen überhaupt nicht. Und mein Interesse für radikalere Kreise verschwand in dem Moment in dem mir klar wurde, daß hinter den Diskursen, Parolen und Phrasen sich nichts weiter verbarg als Ideologie-Beton (für in den Kopf) und dicke Bretter (für vor den Kopf).

Ich zog in eine andere Stadt und begann eine Ausbildung. Schreiner wollte ich werden. Nach sieben Monaten beschloss mein Körper, daß er feinen Holzstaub eher nicht so mag. Das zeigte er mir durch interessante Hautreaktionen und Luftnot. Die Firma war eh sehr scheiße und ich dankte meinem Körper für seine Weisheit. So konnte mein leider nicht ganz so weiser Verstand die einzig richtige Entscheidung treffen.

Ich zog zurück und wurde erst mal Zivi. Standesgemäß trug ich nun lange Haare, einen Schlabberpulli und geflickte Jeans. Meine Aufgabe war irgendwas mit Hausmeister, irgendwas mit Rezeption und irgendwas mit Betreuung. In der Dienststelle wohnte ich dann auch. Zusammen mit drei weiteren langhaarigen, Schlabberpulli und Flickenjeans tragenden Zivis. Der Hausdealer – offiziell erfüllte er eine andere Funktion im Haus – hatte nur Schwarzen Afghanen im Angebot, diesen aber in bester Qualität und sehr günstig. Zu dieser Zeit kaufte ich mir alle frühen Alben von Pink Floyd.

Wir Zivis hatten ein Ritual, das wir sehr ernst nahmen. Wenn wir des Nachts berauscht nach Hause kamen, pinkelten wir erst mal kollektiv über das Motorrad vom Chef. Zu meinem Entsetzen erwarb mein bester Freund später genau dieses Motorrad. Von unserem Ritual erzählte ich ihm erst nach Jahren, als er die Maschine bereits wieder verkauft hatte.

Noch während meiner Zivildienstzeit überfielen Saddam Husseins Truppen Kuwait. Aus Sorge um Friedens-, Freiheits- und Menschenrechtsöl ließ die US-Regierung Bomben werfen und Truppen einmarschieren.

Damals war man so unverblümte Kriege um das Schmiermittel und den Treibstoff unserer Marktwirtschaft noch nicht gewohnt. Bundesweit gab es große Proteste und eine Welle nachträglicher Kriegsdiensverweigerungen. Der Hauptmarkt in Trier wurde in der Nacht der ersten US-Bombenangriffe von den Kriegsgegnern spontan besetzt und zum “Antikriegsplatz” umgewidmet. Tag und Nacht hielten Menschen dort Mahnwache. Um sich in den kalten Winternächten aufwärmen zu können, wurde ein Bauwagen herbeigeschafft, gegen den die Stadtverwaltung interessanterweise nichts unternahm.

Während engagierte Menschen auf dem Antikriegsplatz die Flucht oder den Rechtsbeistand für die in der Region desertierten französischen und US-amerikanischen Armeeangehörigen organisierten, weitere Protestaktionen planten und Pressearbeit leisteten, war ich vor allem anwesend.

An einem besonders kalten Abend anwesend war auch eine kleine, kluge und quirlige Studentin. Wir kamen ins Gespräch und bereits in unserer ersten gemeinsamen Nacht (Im Bauwagen! Uns gegenüber sitzend! Und Kakao trinkend!) toppte ich meinen bisherigen persönlichen Kommunikations-Rekord. Meine etwas sperrige Art schien sie nicht zu stören, und ich war fasziniert, mit welch einer Leichtigkeit, Tiefe und Witz wir über Themen redeten, von denen ich bis dato dachte, sie würden niemanden außer mich interessieren.

Wir trafen uns nun immer, wenn wir beide Zeit fanden. Im Bauwagen. Bei einem Kakao. Uns gegenübersitzend. Und erzählten, diskutierten und lachten. Bald darauf lernte ich ihren Freund kennen, mit dem sie in einer 6er-WG wohnte. Die restliche WG lernte ich dann auch schnell kennen und keinen Monat später zog ich in diese WG ein. Aus der kleinen, klugen und quirligen Studentin wurde eine enge Freundin. Nach sieben Jahren upgradeten wir unsere Freundschaft auf “Liebesbeziehung Pro”. Noch zwei Jahre später gönnten wir uns das Upgrade “Staatlich anerkannte Liebesbeziehung Ultimate mit Goldring”.  Aber ich greife vor. Zurück zur WG.

Aus dem Leben eines Erdrandbewohners. (1)

Teil 1: Kindheit und frühe Jugend

ErdrandbewohnerchenIch bin so alt wie die Unix-Zeitrechnung. Jimmi Hendrix gab im Jahr meiner Geburt sein letztes Konzert bevor er die Welt verließ und die Ton-Steine-Scherben betraten zum ersten mal die Bühne. Die Beatles veröffentlichten ihre letzte Schallplatte und Apollo 13 hatte ein Problem. Am Tag meiner Geburt war es schwül-heiß. Meine Mutter jammert heute noch über meine schwere Geburt und über den vielen Schweiß, den sie während der Wehen vergossen hat. Aber sie jammert auch über die schwere Geburt meiner Schwester. Sie jammert grundsätzlich gerne.

Ich war noch keine drei Jahre alt, als wir aus dem Ruhrpott wegzogen. Trotzdem spreche ich heute noch mit einen leichten Ruhrpott-Slang. Der Duft meiner Heimatstadt, dieses besondere Aroma aus tausenden Kohleöfen, aus den Schornsteinen der Stahlwerke und der chemischen Industrie hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir zogen nach Frankreich. Bedingt durch den Beruf meines Vaters. Dort besuchte ich einen französischen Kindergarten und begann französisch zu sprechen. Jedenfalls soweit, daß ich mich mit anderen Kindern halbwegs unterhalten konnte. Nach einem dreiviertel Jahr in Frankreich zogen wir nach Trier. Ich spreche kein Französisch mehr, begreife aber oft intuitiv, was gesprochen wird. Irgendwas ist hängen geblieben.

An meine Kindergarten- und an meine frühe Grundschulzeit habe ich kaum noch Erinnerungen. Aber ich weiß, daß ich mich in meine Erzieherin mit den langen, blonden Haaren verliebte und sie heiraten wollte. Doch sie lächelte nur über meinen Antrag und war wohl noch nicht bereit für eine Ehe mit mir. Heute weiß ich nicht einmal mehr ihren Namen. Die Zeit heilt also doch alle Wunden.

Nachts hatte ich Angst vor der Zimmerlampe. Ich konnte nur einschlafen, wenn ich ihr den Rücken zudrehte. Angst hatte ich auch vor dem Radio, beziehungsweise davor, daß es nachts zu mir spricht. Ich stellte das Radio abends vor meine Zimmertüre. Meine Schwester kam zur Welt und ich fand spontan, daß sie eine doofe Nervensäge sei. Sie schrie nur rum und man konnte nicht mit ihr spielen. Das mit dem Spielen wurde später etwas besser.

Mein erstes Schuljahr: Ich kann mich sehr genau an die Bäume und Sträucher vor dem Fenster des Klassenzimmers erinnern, aber nicht an den Unterricht. Auch das zweite Schuljahr ist völlig aus meinem Gedächtnis verschwunden. Die Lehrerin hielt mich für lerngestört und geistig zurückgeblieben und wollte mich auf eine Sonderschule schicken. Eine Psychologin bescheinigte mir eine Hochbegabung. Wenn auch mit Teilleistungsschwächen und einer nebulösen, nicht näher definierten Entwicklungsstörung. Es sollten 34 Jahre vergehen, bis ich erfuhr, was es mit dieser „Entwicklungsstörung“ auf sich hatte. Das mit der Hochbegabung erfuhr kurz nach meiner AD(H)S-Diagnose, als ich alte Unterlagen durchstöberte. Meine Eltern maßen einer Hochbegabung keine besondere Bedeutung zu. Es wurde ihnen versichert, daß eine Hochbegabung keinen bleibenden Schäden verursacht und ich damit ein völlig normales Leben führen könne. Ich wiederholte das zweite Schuljahr und kam in eine kleine, ruhige Klasse, wo ich mich wohl fühlte und aufblühte. Von da an habe ich eine gute, durchgehende Erinnerung an meine Kindheit.

In den folgenden Jahren fackelte ich eine Bahndamm-Böschung ab, wollte Züge entgleisen lassen, versuchte erfolglos Bomben zu bauen, versank bis zu den Oberschenkeln im Morast und musste daraus gerettet werden, fiel auf der Suche nach einem im Krieg abgeschossenen Flugzeug in einen Teich und musste erneut gerettet werden. Mit einem Spaten und zwei Freunden grub ich in einem Waldstück nach einer dort angeblich einmal vorhandenen Burg. Wir fanden eine alte Flasche und Tierknochen, womit die Existenz einer Burg für uns als bewiesen galt. Alles, was irgendwie geheimnisvoll war und mit der Vergangenheit zu tun hatte, erregte meine Phantasie und mein Wissensdurst war schier unersättlich. Wenn mir Zuhause langweilig war, las ich in Lexika. Ich war ein fast täglicher Stammgast in unserer Gemeindebücherei.

Ich war sowas wie ein menschlicher Metalldetektor. Von meinen Streifzügen brachte ich Patronen, bzw. Projektile oder Patronenhülsen, verrostete Helme, Stacheldrahtreste und sonstige Ausrüstungsgegenstände aus dem ersten und zweiten Weltkrieg mit. Oder ich fand alte Münzen, Scherben oder undefinierbare rostige Klumpen, die ich bei Gelegenheit röntgen  lassen wollte, um so das in ihr verborgene Geheimnis zu lüften.

Mein persönlich schönster Fund war eine hervorragend erhaltene Panzergranate. Ich wollte sie säubern, polieren und in das Regal über mein Bett stellen. Diesen wertvollen Schatz transportierte ich mit einem Expander gesichert auf dem Gepäckträger meines Fahrrads. Ich habe meinen Vater nie so bleich im Gesicht gesehen. Die Männer vom Kampfmittelräumdienst waren sehr unfreundlich zu mir. Ich habe nicht einmal ein Foto von meiner Granate machen dürfen, als sie sie mir wegnahmen. Trotzdem war ich sehr erfreut als ich hörte, daß die Granate noch scharf und detonationsfähig war. Ich wäre natürlich immer sehr vorsichtig mit der Granate umgegangen. Niemals hätte ich z. B. mit einem Hammer darauf rumklopft. Das hätte hässliche Dellen in meiner schönen Granate hinterlassen.

Aber ich sammelte auch Briefmarken, geordnet nach Motiven. Später kam noch eine ansehnliche Kotztütensammlung mit sehr seltenen und außergewöhnlichen Exemplaren hinzu. Und ich nannte eine große Sammlung an Zuckertütchen aus aller Welt mein Eigen. Ich schaute kaum fern, weil ich mein Zimmer nie ordentlich hatte. Mein Vater war der Ansicht, Fernsehentzug sei das geeignete Mittel, mich zur Ordnung zu erziehen. Ich hingegen war der Ansicht, das Fernsehprogramm sei nicht die Anstrengung des stundenlangen Aufräumens wert.

Meine Tante, die Bildungsreisen organisierte, nahm mich oft auf ihre Vorbereitungsfahrten mit. Meine Funktion dabei war die eines Reisegruppen-Dummys. An mir übte sie ihre Führungen und Vorträge. Und ich war eine sehr begeisterte und hochinteressierte Reisegruppe. So wusste ich bereits im Alter von neun oder zehn Jahren Baustile zu unterscheiden und zeitlich einzuordnen, kannte in Grundzügen die Entwicklung der Malerei, wusste von Herrschergeschlechtern, Revolutionen und der Frauenbewegung. Vom Geschichtsunterricht in der Schule war ich maßlos enttäuscht und sehr wütend über die Oberflächlichkeit des Lernstoffs. Meine Lehrerin entschuldigte sich sogar dafür und erklärte, daß sie leider nicht vom Lehrplan abweichen dürfe.

Die Pubertät traf mich wie ein Blitzschlag. Mit Donner. Und Sturmböen. Und zwar in jenem Augenblick, als mir bewusst wurde, daß den Mädchen Brüste wachsen. Nicht, daß ich das nicht bereits gewusst hätte. Aber diese bis dato eher uninteressante Nebensächlichkeit nahm plötzlich völlig neue Synapsenbahnen, die bei mir zu verwirrenden psychischen und physischen Reaktionen führten. Von nun an waren Brüste magisch. Natalie, die in der Schule neben mir saß, war eine große Magierin. Sie besaß die Macht über meine Blicke. Wenn sie sich mit ihrem Oberkörper vorbeugte, besaß sie sogar Macht über meinen Blutdruck, meine Gesichtsfarbe, und meist auch über meinen privaten Körperteil.

Das Balzverhalten meiner Altersgenossen befremdete mich. Ich selber verstand mich nicht darauf und lernte es nie. Ich war nie cool und es war mir auch egal. Ich trug nie coole Klamotten. Coole, schlagfertige Antworten fielen mir immer erst Tage später ein. Ich hörte keine coole Musik und konnte keine besonders coolen Kunststücke mit einem teuren, coolen Yo-Yo. Ich besaß nicht einmal ein billiges… Ich wurde akzeptiert und respektiert, hatte aber den Status eines Sonderlings. Und da man offenbar nichts mit mir anzufangen wusste, wählte man mich regelmäßig und mit großer Mehrheit zum Klassensprecher. Vor ein paar Jahren erfuhr ich, daß man mich hinter meinen Rücken den „Professor“ nannte. An meinen Noten in Sport, Musik und Mathe kann es nicht gelegen haben.

Meine erste große Liebe hieß Sabine und löste bei mir einen akuten Anfall schwerer Idiotie aus. Es gelang mir nicht, auch nur einen zusammenhängenden Satz in ihrer Gegenwart zu sprechen. War sie in der Nähe, wurden meine Knie zu Gummi, mein Puls raste und mir war schlecht vor Aufregung. Jeder, absolut jeder meiner Gedanken drehte sich nur um sie. Ich bekam Angst, weil ich ernsthaft den Ausbruch einer Geisteskrankheit vermutete. Wenn sie mich kurz lächelnd berührte, explodierte ich vor Glück. Eine ganze Woche lang schwebte ich völlig debil grinsend über den Campingplatz. Meine akuter Anfall schwerer Idiotie schlug um in einen nicht minder schweren Anfall von Weltschmerz: Die sechs Wochen Sommerferien waren vorüber. Sabine wohnte in Köln. Unerreichbar weit weg für mich. Und ich hatte es nicht einmal fertig gebracht, sie nach ihrer Adresse zu fragen. Meine zweite große Liebe hieß ebenfalls Sabine und der erneute Anfall von Verliebtheits-Idiotie beutelte mich nicht minder heftig. Doch diesmal bekam ich ihre Adresse und auch ihre Telefonnummer. Was ich mir aber hätte schenken können, denn ich rief nie bei ihr an. Nach ihr verliebte ich mich nie wieder in eine Sabine.

Mein erstes Moped war eine Puch Monza 4SL und mein erster Computer war ein Schneider CPC 464. Ich fand meinen Schnurrbart schick, und meine Mittelscheitelfrisur mit Nackenspoiler unterstrich, wie ich fand, meine aufblühende Männlichkeit. Leider blühte zu jener Zeit auch meine Akne in voller Pracht. Ich programmierte kleine Basic-Programme, die mir bei den Mathe-Hausaufgaben helfen sollten. Ich verbrachte lange Stunden mit dem austüfteln der Programme und vergaß darüber die Hausaufgaben.

Über emotionale Vergesslichkeit

GeistEin Aspekt bei AD(H)S, über den ich bisher kaum etwas gelesen habe, ist die “Emotionale Vergesslichkeit”. Ich bin mir unklar, ob meine Bezeichnung das wirklich treffend beschreibt, aber mir fällt gerade keine bessere Benennung ein.

Mein ADS-Gedächtnis kennt, grob gesagt, nur 2 Zustände:

Zustand A: Ein völlig löchriges Kurzzeitgedächtnis. Ein kleines Beispiel: Es kommt nicht selten vor (ok, ja, es ist ein Dauerzustand), daß ich etwas ablege und sofort vergesse, wohin ich es gelegt habe. Das ist zwar unglaublich nervig (meist bin ich sogar SEHR genervt), aber ich bin inzwischen ein sehr guter Sucher. (Wenn ich mich wieder abgeregt habe.)

Zustand B: Ein Elefantengedächtnis. Für alles, was mich wirklich interessiert oder fasziniert. Ich kann mich z. B. heute noch bis in die kleinsten Details an das äußerst faszinierende Gesicht einer jungen Frau erinnern, der ich vor ca. 7 Jahren im Bus gegenüber saß, ohne mit ihr in Kontakt getreten zu sein. Oder an das winzige Muttermal mittig auf der Nasenspitze einer Freundin meiner ehem. Mitbewohnerin aus WG-Zeiten von vor über 20 Jahren.

Und dann gibts da noch dieses merkwürdige Phänomen der “emotionalen Vergesslichkeit”. Warum ich das mit AD(H)S in Verbindung bringe? Weil sich das im Gespräch mit anderen ADSlern oft als eine gemeinsame Erfahrung herausstellte, während Freunde und Bekannte ohne AD(H)S das offenbar so nicht kennen.

Ich gebe euch mal ein typisches Beispiel meiner “emotionalen Vergesslichkeit”:

Ich arbeite längere Zeit mit einer Gruppe von Menschen zusammen. Wir erleben viel und es kommt schnell zu Freundschaften und einem tollen Gruppengefühl. Ich freue mich darüber enorm und die Kontakte bringen mir viel, beruflich wie persönlich.

Nun aber endet die gemeinsame Zeit, die Gruppe geht auseinander. Der Abschied ist wie immer etwas wehmütig, aber ich fühle mich unglaublich bereichert und weit weg wohnen die mir ans Herz gewachsenen Menschen ja auch nicht.

Doch schon kurze Zeit nach dieser Gruppensituation (meist schon am übernächsten Tag) verblasst nicht nur das Gefühl der Bereicherung und die Freude an der intensiv verbrachten Zeit, sondern es rückt auch emotional völlig aus dem Fokus, daß ich mit den liebsten Menschen Kontakt und Freundschaft aufrecht erhalten wollte.

Bildlich könnt ihr euch das etwa so vorstellen: Ihr seid gerade mit einem Menschen am reden, der plötzlich durchscheinend wird, immer mehr an Substanz verliert, bis ihr nur noch seine geisterhaften Konturen erahnen könnt, bevor er binnen weniger Minuten ganz verschwunden ist und ihr alleine da steht.

Was bleibt, ist eine Erinnerung an die gemeinsame schöne Zeit. Eine Erinnerung im Kopf, aber kaum noch im Bauch, nicht mehr lebendig gefühlt. Der emotionale Bezug ist verschwunden. Obwohl ich diese Menschen nach wie vor sehr mag.

Natürlich werde ich so keine Kontakte halten. Ich habe meine Verbindung zu diesen Menschen doch schon fast vergessen…

Warum ich trotz dieser emotionalen Vergesslichkeit in einer wunderbaren, Beziehung lebe? Weil ich jeden Tag mit einer tollen Frau zusammen bin, die mich emotional “anstupst”. Mit ihr ist es gar nicht möglich, daß mein Kontakt auf der emotionalen Ebene zu ihr einschläft.

Aber der Mechanismus bleibt vorhanden. Was ich merke, wenn sie für ein paar Tage wegfährt und ich in mein Einsiedlertum  abgleite. Meine Liebe zu ihr wird von meiner “emotionalen Vergesslichkeit” nicht beeinträchtigt. Aber wenn sie zurück ist, dann fremdel ich ein wenig und brauche ein bisschen Zeit. Jedes mal.

Nein, meine emotionale Vergesslichkeit ist kein Problem für mich. Doch, wenn ich darüber nachdenke, empfinde ich schon eine gewisse Traurigkeit. Eine Traurigkeit darüber, wie viele tolle Kontakte, Möglichkeiten und Erfahrungen mir deswegen vielleicht entgangen sind…

Reboot

Fast ein Jahr war es still hier im Blog. Ich war schlicht und einfach schreibfaul. Und da Dinge nie bleiben wie sie sind, meldete sich in der letzten Zeit wieder meine Lust zum bloggen.

Na, dann reboote ich den “Erdrandbewohner” doch mal.

Ich habe ein neues Design installiert. Sehr minimalistisch, kein Schnickschnack. Fast wie bei Fefe, nur schöner. Passt wunderbar, finde ich.

Auch zukünftig werde ich viel über ADHS schreiben. Aber nicht nur. Ich mache mir da keine Vorgaben – außer: Keine Monster-Texte mehr. Und weniger Perfektionismus. ;)

Also, wir lesen uns dann morgen. Oder so.

Reizüberflutung – mein täglicher Tsunami

Mein ADS-Erleben besteht zu 70% aus aus den Folgen meiner Reizoffenheit. Ein grober Wert, nur Pi mal Daumen. Es schwankt, mal empfinde ich meine Reizoffenheit stärker (vor allem im Winter), mal weniger dominant (im Sommer, und wenn ich ausgeruht bin).

Methylphenidat hilft da ein wenig. Aber leider nicht genug. Was bedeutet (und das ist auch wieder nur ein Pi-mal-Daumen-Wert): Nach 5 Stunden “normaler” Aktivität draußen, unter Menschen, auf der Arbeit oder beim Einkauf bin ich durch. Dann ist die Grenze des erreicht. Mein Gehirn kann keine weiteren Eindrücke mehr aufnehmen und verarbeiten. Unter Stress, im Winter, unter Menschenmassen, im Lärm oder anderen starken Außenreizen tilt mein Hirn manchmal bereits nach drei Stunden. Manchmal sogar noch schneller.

An diesem Punkt angelangt, reicht keine kleine Pause, kein kurzer Rückzug mehr. Ich muss nach Hause, mich hinlegen. Die Erschöpfung ist dann allumfassend. Psychisch und physisch. Nach zwei, drei Stunden Ruhe gehts dann wieder. Nicht, daß ich dann wieder groß aktiv werden kann, nein, aber ich bin dann wieder halbwegs ich selber.

Wenn ich durch die Umstände nicht nach Hause kann – dann schaltet mein Hirn auf Katastrophen-Notbetrieb. Eine sehr unschöne Sache, bei der es nur darum geht, die Situation zu überleben. Eine normale Kommunikation mit anderen Menschen ist dann nicht mehr möglich. Meine Gedanken, meine Wahrnehmung und mein Selbstempfinden  sterben ab, ich funktioniere nur noch, erledige roboterhaft Dinge, die gemacht werden müssen. Es ist schwer zu erklären, man kann es vieleicht mit einem Zombie-Modus vergleichen.

Ist das überstanden, reichen keine paar Stunden Ruhe. Kopfschmerz, manchmal Übelkeit und Sehstörungen begleiten mich dann den Rest des Tages. Nachts kann ich dann oft nicht oder nur schlecht schlafen. Dem nächsten Tag widme ich dann weiterhin meiner Erschöpfung vom Vortag. Und den Verspannungen. Wenn ich darf und kann…

Besonders reizoffen reagiere ich auf visuelle und akustische Eindrücke. Manchmal bin ich auch sehr berührungsempfindlich. Dann kann ein Streicheln zum Schmerz werden. Auf Gerüche reagiere ich gottseidank nicht so sehr, und mit sehr unangenehme Geschmäcke kann ich gut umgehen.

Soziale Interaktion führt zu besonders schneller Überreizung. Weil Menschen so verdammt viele unterschiedliche Signale auf ganz verschiedenen Ebenen von sich geben, die ich nicht ausreichend nach Relevanz filtern kann. Ja, ich kann unglaublich viel über einen Menschen sagen, mit dem ich nur ganz kurz interagiert habe. Manchen Menschen ist das unheimlich, und ich wäre froh, meine Wahrnehmung bitteschön mal etwas begrenzen zu können.

Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Eigentlich. Aber ich meide oft den sozialen Kontakt. Um meine Energie zu schützen, die mir sonst durch die Verarbeitung aller ungefilterten Eindrücke fehlen würde.

Es gibt ein paar “Workarounds”, die mir im Alltag helfen. Mein mp3-Player mit guten Ohrhörern. Oder Ohropax. Meine Sonnenbrille. (Um-)Wege, auf denen nicht viel los ist. Das Meiden bestimmter Geschäfte… Und, wie gesagt, das Methylphenidat, das den Reizfilter für die Wirkdauer ein klein bisschen “repariert”.

Meine ADS-Ärztin verschrieb mir ein Notfallmedikament um “besser funktionieren zu können”, ein Neuroleptikum. Scheiß Zeug. Es hilft zwar, aber es dämpft alles in mir. Ich möchte nicht gedämpft sein. Denn ich liebe meine empfindliche und empfindsame Wahrnehmung. Wenn ich Menschen zuschaue, wenn ich Musik höre, wenn ich schöne und skurrile Dinge entdecke die anderen Menschen verborgen bleiben.

(Reizoffenheit, bzw. eine Reizfilterschwäche betrifft übrigens nicht nur Menschen mit ADS / ADHS. Autisten kennen es ebenso, genau wie Menschen mit Asperger oder viele hochsensitive Menschen…)

Mehr Freude mit antiker Hardware. Heute: ThinkPad R51 (2004)

“Was, bitteschön, willst du mit einem neun Jahre alten Laptop?”

Das war die verständnislose Frage eines Freundes, als ich ihm erzählte, daß ich für sehr wenig Geld ein altes, aber vom Zustand her fast neuwertiges ThinkPad R51 gekauft habe. Tja, was will ich damit? Vor allem wollte ich ausprobieren, was damit noch geht. Und ich habe es gekauft, weil es ein ThinkPad ist. Gerade die älteren Modelle gelten als unverwüstlich, die Verarbeitung und Tastatur sind (oder waren?) der Maßstab für hochwertige Laptops.

Ja, das alte R51 ist eindeutig besser verarbeitet als mein “neues”, drei Jahre alte R500. Kein Knarzen, kein Knirschen bei Druck auf das Gehäuse. Und die Tastatur… Obwohl ich die Tastatur meines R500 bisher als verdammt angenehm und hochwertig empfand, wirkt sie im Vergleich zu der des R51 beinahe billig. Beim antiken ThinkPad ist der Druckpunkt knackig, die Tastatur bretthart. Nichts biegt sich durch und keine einzige Taste schwimmt oder klappert. Herrlich! Und der Trackpoint, der rote Navigations-Knubbel zwischen den Tasten G, H, und B reagiert viel präziser als der bei den neueren Geräten…

Das Display ist in etwa so hell wie das meines R500, also ca. 200 Nits / Candela. Im Zeitalter von LED-Displays gilt das zwar inzwischen als Funzel, war aber vor neun Jahren höchster Standard. Besonders, wenn man bedenkt, daß die Leuchtkraft der CCFL-Displays mit der Zeit nachlässt. Das im R51 verbaute Display ist ein Flexview-Display, also mit 1400×1050 Pixeln hochauflösend, enorm blickwinkelstabil, kontrastreich und farbtreu. Leider hat der Alterungsprozess seine Spuren hinterlassen: Es wird nicht mehr ganz gleichmäßig ausgeleuchtet, was aber im Betrieb nicht stört. Obwohl der Bildschirm meines R500 ebenfalls hoch auflöst (1680×1050 Pixel), kommt es ganz klar nicht an die Qualität des R51 heran. Weder von der Blickwinkelstabilität, noch vom Kontrast und auch nicht von der Farbtreue.

Die weiteren verbauten Komponenten sind:

  • Ein Intel Pentium M (Dothan) Prozessor mit 1,6 GHz,
  • 1536 MB Arbeitspeicher, PC2700 DDR-SODIMM (Wurde vom Vorbesitzer um 1024 MB aufgerüstet)
  • Einen ATI Mobility Radeon 9000 Grafik-Chip mit 32 MB VRAM
  • Eine 60 GB IDE-Festplatte
  • Ein CD-RW/DVD-ROM-Combo Laufwerk im UltraBay-Schacht
  • Eine Intel PRO/Wireless 2200BG – WLAN-Karte

Dazu kommen noch diverse Anschlussmöglichkeiten wie zwei USB 2.0-Ports, Infrarot-Schnittstelle, ein Parallelport, eine serielle Schnittstelle, TV-Ausgang, usw. Der Vorbesitzer schickte mir die alte Rechnung mit. Das Gerät kostete 2004 ganze 1706,55 Euro.

“Und, was geht noch damit?”

Verdammt viel. Wenn man das Betriebssystem und die Anwendungen klug auswählt. Der Knackpunkt bei dem Gerät ist nicht der Prozessor (er benötigt einen Non-PAE-Kernel), sondern der sehr schwache ATI-Grafikchip, für den es keinen propritären Linux-Treiber mehr gibt. Die OpenSource-Treiber dafür sind zwar gut, können aber (angeblich) nicht die volle Leistungsfähigkeit aus dem Chip herauskitzeln.

Natürlich war mir klar, daß “fette”, ressourcenhungrige Desktopumgebungen wie Gnome 3.x oder KDE keine Wahl sind. Also probierte ich mehre Betriebssysteme mit alternativen Oberflächen aus: Xubuntu, also Ubuntu mit Xfce; SolusOs, ein stabiles Debian, noch mit der alten Gnome 2.x-Oberfläche, und Bodhi-Linux, ein Ubuntu mit Enlightenment e17.

Ich verschone euch mit Einzelheiten und komme zu den jeweiligen Ergebnissen:

  • Xubuntu lief, aber extrem lahm. Filme wurden nur ruckelig wiedergegeben, bei Flash-Videos kapitulierte Xubuntu endgültig. Die Prozessor rödelte am Limit, was sich auch am ständig heulenden Lüfter bemerkbar machte. Das Deaktivieren der grafischen Effekte wie Schatten usw. wirkte sich zwar positiv aus, aber das System fühlte sich weiterhin lahm und zäh an.
  • SolusOs. Genau das Selbe. Obwohl das Debian-Grundsystem weniger Ballast mitbringt als Ubuntu.
  • Bodhi-Linux lief schon sehr viel flüssiger. Wenn man mal von den lustigen Grafikfehlern beim Plymouth-Startbildschirm absieht. Aber die Video-Wiedergabe ruckelte und das Surfen mit Firefox (andere Browser mag ich nicht) war eine Geduldsprobe. Nicht zufriedenstellend, runter von der Platte damit.

Ich erinnerte mich, daß ich mal was von CrunchBang-Linux gelesen hatte. Es wurde als coole, minimalistische und extrem leichtgewichtige Debian-Distribution gelobt. Als Windowmanager kommt ein vorkonfiguriertes Openbox zum Einsatz. Einfache Windowmanager hatte ich mir zwar mal angeschaut, fand sie aber wenig sexy. Mein Eindruck war bis dato, das sei eher was für Hardcore-Nerds und Puristen, die einem Terminal-Emulator einer graphischen Oberfläche vorzögen. Aber von den Fotos her sah CrunchBang mit seinem minimalistischen,  dunkeln Design durchaus ansprechend aus. Ein Blick in das Forum zeigte mir, daß CrunchBang eine recht große und aktive Nutzergemeinschaft hat. Wichtig für Anleitungen und falls Probleme auftauchen sollten.

Die Installation vom USB-Stick ging schnell und ohne Probleme vonstatten. Nach der Grundinstallation und dem ersten Einloggen poppte ein Terminal-Fenster auf und ein Script führte mich durch die grundlegenden Einrichtung des Systems und installierte mir auf Wunsch und nach meinen Bedürfnissen zusätzliche Pakete. Nachdem ich noch ThinkPad-typische Programme (configure-trackpoint, tlp, thinkfan, thinkpad-acpi, usw) nachinstalliert und konfiguriert hatte, widmete ich mich der Einarbeitung in Openbox. Fast alle Einstellungen werden dort durch das Editieren von Textdateien vorgenommen, was weniger kompliziert ist als es sich anhört. Ich spielte mit dem Design, installierte mir als Dock das leichtgewichtige und bis ins Detail konfigurierbare “A Deskbar“, richtete mir Cmus als Terminal-Musikplayer ein und als Feedreader installierte ich mir ebenfalls ein Programm fürs Terminal, den Newsbeuter. Hotot ist mein Twitter-Client und als einfaches Textverarbeitungsprogramm nutze ich AbiWord. Firefox startet schnell, und als Videoplayer dienen mir VLC und Gnome-Mplayer.

Und ich so: Hurra!

2013-03-23--1364066986_1400x1050_scrotCrunchBang rockt und ist wie gemacht für mein antikes Thinkpad. OpenBox ist toll vorkonfiguriert und lässt sich auch ohne ein dafür vorgesehenes grafisches Programm einfach den eigenen Wünschen anpassen. Das einfache Menü nutze ich dank Tastaturbefehle und dem Dock kaum. Mit CrunchBang  auf der alten Hardware kann ich ganz alltägliche Dinge erledigen. Sei es surfen, twittern, einen Brief schreiben, Mails abrufen oder Musik hören.

Wenn ich einen Film schauen will, klappt das einwand- und ruckelfrei. Allerdings muss ich vorher die einfachen Desktop-Effekte (die für den Schattenwurf und das Herausgleiten von geschlossenen Fenstern verantwortlich sind) ausschalten. Wenn die Effekte ausgeschaltet sind, surft es sich auch etwas flüssiger. Etwas mehr Grafikpower wäre toll, aber hey, es läuft!

Mein neues, neun Jahre altes Laptop läuft mit einem aktuellen Betriebssystem (fast) flüssig. Was will ich mehr?!

Zur Stigmatisierung des Anders-Seins

bttVor einigen Jahren erwarb ich für ein paar Cent ein Buch aus den 50er Jahren auf dem Flohmarkt. Es war die deutsche Übersetzung eines populärwissenschaftlichen Werks aus der Feder eines angeblich renomierten Psychaters aus den USA. Den Titel und den Autor kann ich leider nicht nennen. Das Buch gab ich irgend wann vor einem Umzug zum Recycling in die Blaue Tonne.

In diesem Buch ging es vor allem um die Beschreibung psychischer Störungen und Erkrankungen und die Behandlung aus psychatrischer Sicht. Ein großes Kapitel nahm die psychische Störung Homosexualität und die Methoden ihrer Heilung ein.

Der Autor beschrieb Homosexualität als eine schwere sexuelle Störung psychischen Ursprungs, deren Hauptursache er in einer gestörten Vater-Sohn-Beziehung sah. Aber auch psychisch labile Jugendliche, meist aus einem dysfunktionalem Elternhaus stammend, seien von Homosexualität betroffen, da sie oft gezielt von älteren homosexuellen Männern verführt würden.

Homosexuelle Männer, so der Psychater, fielen überdurchschnittlich der Kriminalität anheim, seien häufig rauschgiftsüchtig und von ihrem Wesen eher antisoziale Persönlichkeiten. Auch zerstörten sie die gesellschaftliche Moral und stürzten ihre Familien durch ihre sexuelle Orientierung ins tiefe Unglück. Weibliche Homosexualität wurde übrigens mit keinem Wort erwähnt.

Homosexualität sei mit modernen Therapieformen sehr gut heilbar, natürlich immer abhängig vom Alter des Patienten und der Ausprägung der widernatürlichen Neigung. Anhand eines Fallbeispiels wurde aufgezeigt, wie ein junger Mann durch Psychoanalyse, dem Erkennen des verdrängten Konflikts mit seinem Vater und der darauf folgenden Aussöhnung, sowie der langsamen, behutsamen Hinführung zum weiblichen Geschlecht von seiner Homosexualität geheilt wurde. Der junge Mann verliebte sich schließlich in ein anständiges Mädchen, sie heirateten, bekamen Kinder und führten ein ganz normales Leben in einem Vorort einer Großstadt.

Und was haben diese kruden Behauptungen und antiquierten Ansichten zur Homosexualität jetzt mit AD(H)S zu tun?

Nicht viel. Oder vielleicht doch mehr, als man vermutet…

Das Buchkapitel zur Homosexualität zeigt, wie Menschen mit einer anderen als der gesellschaftlich akzeptierten sexuellen Orientierung diskriminiert, stigmatisiert, kriminalisiert und pathologisiert wurden. Man könnte meinen, unsere Gesellschaft sei heute aufgeklärter, offener und liberaler. Könnte man. Doch wie sehr uns alles Andersartige und aus der Norm fallende immer noch beunruhigt, ängstigt und spontanes Abwehrverhalten auslöst, das beobachte ich gerade beim Thema AD(H)S.

Ich habe AD(H)S. Das ist die Bezeichnung für eine Reihe von Eigenschaften und Besonderheiten, die nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung die Folgen einer „besonderen“ Hirnchemie sind. Viele Indizien deuten auf genetische Ursachen hin, die genauen Mechanismen sind aber noch nicht ausreichend erforscht. Für mich und mein Leben spielt dies aber keine Rolle. Ähnlich, wie für einen homosexuellen Menschen die Ursache seiner nicht normativen sexuellen Ausrichtung keine Rolle spielt. Oder wie für einen rothaarigen Menschen es völlig egal ist, welche Gene nun genau für seine eher seltenen Haarfärbung verantwortlich sind.

Mein AD(H)S sehe ich für mich nicht als eine Erkrankung oder Störung, sondern als ein Teil meines Lebens. Ich sehe, fühle, denke, reagiere teilweise einfach nur ein wenig anders als der Großteil der Menschen. Was mich  krank werden lässt und mich in meinem So-Sein behindert, ist das enge Korsett des „Normalen“, in das ich mit meinen Eigenschaften und Bedürfnissen nicht hineinpasse. Es wird erwartet, daß ich mich Normen anpasse. Koste es, was es wolle… Ein kleines Beispiel? Ich bin aufgrund meiner AD(H)S-bedingten Reizfilterschwäche sehr schnell reizüberflutet. In meiner Freizeit kann ich gut damit umgehen, aber auf der Arbeit bräuchte ich eine eher ruhige Arbeitsumgebung mit wenig Stressfaktoren und kurzen Rückzugsmöglichkeiten. Statt selbstverständlich und mit minimalem Aufwand auf meine Bedürfnisse einzugehen, rät meine Ärztin mir zu einem die Wahrnehmung (und Gefühle!) dämpfenden Medikament. Ein Neuroleptikum gegen Reizüberflutung. Ich soll mein So-Sein mit dämpfenden Medikamenten unterdrücken, um (scheinbar) innerhalb normaler Parameter zu funktionieren.*) Tut mir leid, dazu bin ich nicht bereit…

Um meine Situation mit anderen Worten zu beschreiben: Wenn sich ein Inuit aus Grönland sich in der Wüste nicht wohl fühlt, dann liegt das Problem nicht beim Inuit. Wüstenbewohner, die nichts anderes als ihre Wüste kennen, werden sein Unwohlsein nicht verstehen und das Problem beim Inuit verorten.

Nein, ich bin weder „gestört“ noch „krank“, nur weil ich etwas anders ticke. Die Vorstellung meiner Mitmenschen, wie man richtig zu ticken habe, macht mich krank. Es macht mich wütend, wenn ich lese, was für ein Müll in den Medien zu AD(H)S verbreitet wird. Ich könnte kotzen, wenn selbsternannte Experten erklären, daß ich ein Unterschichts-Problem hätte, welches auf Vernachlässigung und zu viel Medienkonsum zurückzuführen sei, oder daß die Ursache in einer zu laschen Erziehung läge. Mein Blutdruck explodiert, wenn behauptet wird, mein AD(H)S gäbe es überhaupt nicht, es sei eine Erfindung der Pharmaindustrie um Menschen ruhig zu stellen. Ich lache bitter, wenn wieder einmal AD(H)S mit dem Heischen nach Aufmerksamkeit gleichgesetzt wird, weil das Wort „Aufmerksamkeitsdefizit-Störung“ falsch verstanden wird. Ich verdrehe die Augen, wenn immer wieder das stereotype Bild von zappeligen, hyperaktiven Jungs hervorgekramt wird, wenn es um AD(H)S geht. Ich erschrecke, wenn ich sehe, daß ADHS zunehmend im Zusammenhang mit Schmähungen und Beschimpfungen genutzt wird, ganz ähnlich wie es immer noch mit dem Wort „Schwul“ geschieht.

Hört auf, uns AD(H)Sler zu stigmatisieren. Hört auf, uns zu pathologisieren. Redet nicht über uns, SPRECHT MIT UNS! Fragt uns, wenn ihr was wissen möchtet. Jeder Erwachsene mit AD(H)S war auch als Kind davon betroffen. Kein Kulturphilosoph oder Hirnforscher kann euch so detaillierte Informationen zu unserem Leben mit AD(H)S, zu unseren jeweiligen Bedürfnissen und unseren Problemen geben wie wir!

Danke.

*) Bevor Missverständnisse entstehen: Nein, Methylphenidat (Ritalin) ist kein ruhigstellendendes und dämpfendes Medikament, wie es von „Kritikern“ gerne lauthals verbreitet wird. Meine Erfahrung mit Methylphenidat kann z. B. hier nachlesen.